Mit grünen Dächern gegen Hitze und Starkregen Interview mit Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft

Starkregenereignisse, Hochwasser und Hitze: Die Herausforderungen für Wohneigentümerinnen und -eigentümer Ihr Haus und Garten auf die Klimaanpassung vorzubereiten, werden in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Um dem entgegenzuwirken, setzen sich Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV) für eine nachhaltige Stadtentwicklung ein. Über Maßnahmen zum Schutz vor Wetterextremen, die blau-grüne Transformation am eigenen Haus und Fördermöglichkeiten, haben wir mit dem Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Uli Paetzel gesprochen.

  © EGLV/Catrin Moritz
Der Vorstandsvorsitzende von Emschergenossenschaft und Lippeverband, Prof. Dr. Uli Paetzel erläutert im Interview, welche Herausforderungen durch die Klimaanpassung auf Wohneigentümer/innen zukommen. 

Die Emschergenossenschaft und der Lippeverband sind zusammen für die Entwässerung und Abwasserreinigung in einem Einzugsgebiet mit über 3,6 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern zuständig. Das ist an sich schon keine leichte Aufgabe – der Klimawandel macht sie noch herausfordernder. Wie stellt sich Ihr Verband für die Zukunft auf?

Prof. Paetzel: Schon eine unserer wichtigsten Aufgaben als Wasserwirtschaftsverband – die Abwasserreinigung – wird aktuell immer anspruchsvoller. Wir müssen unsere Kläranlagen um tiefergehende Reinigungstechniken erweitern, damit auch Kosmetik oder Medikamentenreste aus dem Abwasser entfernt werden können. Immer wichtiger wird aber auch der Schutz vor Hochwasser. Damit haben wir bereits vor Jahrzehnten im Rahmen der Renaturierung der Emscher und weiterer Gewässer begonnen. In diesem Zuge sind neue Hochwasserschutzanlagen gebaut und Auenlandschaften angelegt worden. Wir beschäftigen uns als Verband aber auch damit, wie wir Privatpersonen bei der Klimaanpassung unterstützen können. Wie können wir dazu beitragen, dass Starkregenereignisse in den Städten abgemildert werden? Wie können wir die Entstehung von Hitzeinseln in Städten verhindern? Wie kann man mit blau-grünen Infrastrukturen das Mikroklima verbessern?

Sind das die Fragen, die in den nächsten zehn Jahren für Hauseigentümer besonders wichtig sein werden?

Prof. Paetzel: Ich glaube, dass die beiden Klimaphänomene – noch extremere Starkregenereignisse und noch intensivere Hitzewellen – uns beschäftigen werden. Das müssen wir als Wasserwirtschaftsverbände im Blick haben, das müssen die Städte im Blick haben. Vor allem muss sich aber auch jeder Einzelne damit auseinandersetzen und darum kümmern, wie das eigene Wohnobjekt bestmöglich auf den Klimawandel vorbereitet werden kann. Hier bieten wir mit unserer Zukunftsinitiative Klima.Werk viele Informationsangebote und Fördermöglichkeiten für Wohneigentümer.

Wie sieht diese Förderung genau aus und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Prof. Paetzel: Seit dem vergangenen Jahr fördern wir im gesamten Einzugsgebiet von Emschergenossenschaft und Lippeverband die Begrünung von Dächern – zum Beispiel bei Carports, Anbauten oder Garagen. Dafür bekommen Wohneigentümer 50 Euro pro Quadratmeter Dachfläche von uns bezuschusst. Unser Ziel ist es, in der gesamten Region zwischen Dortmund und Duisburg sowie der nördlich angrenzenden Lippe-Region die Begrünung von 10.000 Dächern anzustoßen. Wir setzen hier bewusst auf ein niederschwelliges Angebot mit doppelter Auswirkung. Zum einen ist die Investition in ein Gründach etwas Gutes für einen selbst, die Gemeinschaft und die Umwelt, da das Mikroklima am eigenen Haus verbessert wird. Zum anderen sparen Wohneigentümer langfristig damit auch an Niederschlagswassergebühren, da eine Fläche des eigenen Grundstücks entsiegelt wurde.

Wie können interessierte Wohneigentümer an dem Förderprogramm teilnehmen?

Prof. Paetzel: Für Wohneigentümer ist die Teilnahme recht einfach. Zuerst muss geklärt werden, ob die Dachfläche statisch geeignet ist. Anschließend können Interessierte bei einer Fachfirma einen Kostenvoranschlag einholen und zusammen mit einigen Fotos online den Zuschuss beantragen. Nach der Bewilligung der Förderung verpflichtet sich der Wohneigentümer lediglich zeitnah zur Umsetzung und für einige Jahre zur Unterhaltung des Gründaches. Nach der Umsetzung folgt die Abrechnung. Insgesamt können Wohneigentümer bis zu 10.000 Euro Zuschuss bekommen.

Entsiegelung ist in den Städten generell ein wichtiges Thema. Warum setzen sich EGLV so stark dafür ein?

Prof. Paetzel: In den verdichteten Innenstädten der Ruhrgebietskommunen oder auch Köln, Düsseldorf und Münster haben wir im Sommer Temperaturen, die rund 10 Grad höher sind als am Stadtrand. Diese Hitzeinseln haben vor allem negative gesundheitliche Auswirkungen. Daher ist jeder Quadratmeter gut, auf dem Regenwasser natürlich versickern und verdunsten kann! Dies sorgt bereits für einen merklich abkühlenden Effekt. Der Boden speichert das Wasser zudem ganz natürlich wie ein Schwamm. Dadurch müssen wir weniger Regenwasser in die Kläranlage leiten. Zudem unterstützt das Wasser Bäume und Pflanzen an ihren Wurzeln.

Warum sollten aus Ihrer Sicht auch private Wohneigentümer Flächen an ihrem Haus entsiegeln?

Prof. Paetzel: Je naturnaher Dachflächen oder die Fläche rund um ein Haus gestaltet werden, desto besser ist es für die Umwelt und den Wohnwert. Entsiegelung und die Abkopplung der Regenwasserentsorgung von den öffentlichen Kanälen schützt aber auch jeden Einzelnen vor Starkregen und Überschwemmung. Wir bieten dazu im Internet viele Informationen und eine entsprechende App. Mit dieser kann man für seine Adresse einen Starkregen- und Hochwasser-Check machen. Das Tool beantwortet konkrete Fragen zur Lage des eigenen Hauses. Wie liegt mein Objekt? Gibt es eine Abschüssigkeit? Kommt Regenwasser in großen Mengen an? Liegt mein Haus vielleicht in einer Tallage? Oder wohnt man in der Nähe eines Bachlaufs oder eines Flusses?

Und was können Hausbesitzer dann tun, um sich vor Starkregen und Hochwasser zu schützen?

Prof. Paetzel: Grundsätzlich ist jeder Eigentümer selbst verpflichtet, Vorsorge zu treffen. Für Wohneigentümer hilfreiche und einfache Maßnahmen sind dabei die Rückstauklappe im Keller sowie die Nutzung einer Regentonne oder Zisterne. Wir unterstützen in Castrop-Rauxel aktuell Eigentümer, die in einer Familienhausreihe leben. Bei unserem Projekt werden die Regenfälle aus den Gärten der Eigentümer künftig über einen kleinen Drainagekanal direkt in die Emscher geleitet. Die Familien können so die kosten gemeinsam tragen. Denn das Beste, was Hausbesitzer machen können, ist Abkopplung.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an private Hauseigentümer?

Prof. Paetzel: Haben Sie den Mut, die blaugrüne Transformation bei Ihnen zuhause zu beginnen. Informieren Sie sich über Ihr Starkregen-Risiko, durchdenken Sie die möglichen Szenarien und treffen Sie erste Vorkehrungen, um sich bestmöglich auf das sich verändernde Klima vorzubereiten. Sprechen Sie auch mit Ihren Nachbarn und profitieren Sie von den Erfahrungen, die andere Wohneigentümer bereits gemacht haben.